Geschichte einer Familie

Warum in Toblach?

Übersetzung von Cornelia Schoepf.

Elise Rutter wurde 1834 in Toblach, einem kleinen Dorf zu Füßen der 9 Zinnen der Dolomiten geboren. Ihr Vater, Johann Georg, war Färber von Beruf. Nach dem Tod ihres Vaters, wurde die nur sechsjährige Elise nach Laibach zu reichen Verwandten geschickt. Von ihren Jugendjahren wissen wir nicht viel, aber man kann annehmen, dass Elise in dieser großen Stadt, die damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte, eine ziemlich ruhige Zeit verbrachte.
In Laibach lernte sie Karl Polz, Hauptmann der 1. Klasse der Regimentsinfanterie des Erzherzogs Franz Karl kennen und heiratete ihn 1857. Karl Polz war 1819 in Kal, Slowenien als Sohn des Laurentius Polz, Verwalter der Landgüter des Grafen Hohenwart, geboren worden. In der Residenz des Grafen erblickten Karl und seine sieben Brüder das Licht der Welt. Schon in seinen Lyzeumsjahren ergriff Karl die militärische Karriere, welche er mit großer Leidenschaft und Geschick bis zu seinem Tod 1885 verfolgte. In der Folge wurde er als Kommandant der Habsburgischen Streitmächte in die größten Kriegswirren des 19. Jahrhunderts verwickelt.
Er nahm an den italienischen Feldzügen von 1848-49 teil, wo er in der Lombardei und vor den Toren Mailands an der Seite von Feldwebel Radetzky kämpfte, sowie an den italienischen Feldzügen von 1859 und 1866, und beim Feldzug 1878 in Bosnien/Herzegowina, wo er als “Eroberer Sarajevos” bekannte wurde. In Friedenszeiten war es seine Aufgabe, die Truppen des Reiches von Kaiser Franz Joseph auszubilden, was ihn in viele europäische Städte brachte. Während seiner ganzen militärischen Laufbahn erhielt er zahlreiche Ehren, Medaillen und Anerkennungen. 1881 folgte der Grad des Generalmajors.
Elise, welche ihrem Mann für kurze oder lange Zeiten immer wieder folgte, und Karl hatten zwischen 1858 und 1879 acht Kinder, von denen drei in zartem Alter und zwei als junge Erwachsene starben. Karl grämte sich oft, dass er nicht immer seiner Familie nahe sein konnte, die er sehr liebte. Von den Kindern die überlebten interessiert uns vor allem eine: die 1869 in Laibach geborene Ghisa, unsere Großmutter.
Ghisa beerdigte ihren Vater 1885 in Großwardein, heute Oradea in Rumänien, am Tag ihres 16. Geburtstags. Elise, welche nun Witwe war, beschloss nach Wien zurück zu kehren, wo ihre jüngste Tochter Elsa geboren wurde, um Ghisa die Möglichkeit zu geben, ihre Gesangsstudien weiter zu verfolgen, für das sie eine ausgesprochene Begabung hatte, während ihre Schwester, Elsa sich der darstellenden Kunst widmete und Schauspielerin wurde. 1893 debütierte Ghisa in Prag, wo sie sofort vom berühmten Theaterdirektor Angelo Neumann engagiert wurde. Und so kam es, dass die Familie, d.h. Elise, Ghisa und Elsa nach Prag übersiedelten.
Am Höhepunkt ihrer Karriere als Sopranistin trifft Ghisa Moritz Glauber, einen jüdischen Bankier aus Prag, Musikliebhaber und Mäzen. 1902 geht aus ihrer Ehe am Ende der Laufbahn in Innsbruck, Österreich, der einzige Sohn hervor: Max. Ghisa widmet ihm, der 1910 im Alter von 8 Jahren seinen Vater verliert und damit Halbwaise wird, ihre ganze Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit. Ghisa bleibt noch für einige Jahre in Prag, wo sie ein glänzendes Leben in Theater- und Musikzirkeln führt, vor Beginn des 1. Weltkrieges beschließt sie jedoch, nach Bozen zu ziehen. Dies war eine Entscheidung, die sich im Lichte der tragischen Ereignisse des 2. Weltkrieges als besonders glücklich erweisen wird. Tatsächlich sollten alle Verwandten in Prag im Holocaust umkommen. 1913 wählt Ghisa Toblach, den Geburtsort ihrer Mutter, um dort das Ferienhaus zu errichten. Während des Schuljahres leben Max und sie in Bozen, wo Max die Mittelschule und das Lyzeum besucht. Max war ein fleißiger und ernster Schüler, der bereits in diesen schwierigen Jahren des ersten Weltkrieges seine zukünftige Frau Trude kennen lernt, auch sie eine Schülerin des Lyzeums.
Meine Mutter, Trude Walther von Herbstenburg, wurde am 13. Jänner 1903 geboren. Sie war damals in Bozen das einzige Mädchen, das das Lyzeum besuchte. Ihr Vater war in den 20er Jahren Abgeordneter in Rom und man erinnert sich an ihn, da er einen berühmten Diskurs zu Gunsten Südtirols, das vor kurzem italienisch geworden war, aussprach. Die Herbstenburg gehören einer alten Familie von Adeligen aus Toblach an, wo einer der Vorfahren 1600 im Schloss lebte, das noch heute ihren Namen trägt: die Herbstenburg.
Max fing 1922 an Philosophie und Physik an der Universität von München in Bayern zu studieren, doch bereits 1923 erregte Hitler die Gemüter der jungen Deutschen und so fingen die ersten Rassendiskriminierungen an, die Max bereits während seiner Schulzeit in Bozen hatte erleben müssen. Er beschloss einen anderen Weg zu gehen. Dank seiner Kenntnisse auf dem Gebiet der Physik hatte er frühzeitig die großen Fortschrittsmöglichkeiten und die Notwendigkeit von Experimenten mit Radioübertragungen und Radioempfängern, welche in ganz Europa stattfanden, erkannt.
Er wurde ein Pionier. Mit nur 23 Jahren ,1925, gründet er in Toblach, wo er mit seiner Mutter und weiteren Familienmitgliedern lebt, die Fabrik Unda Radio.1926 wird er die geliebte Trude heiraten.
Bereits von Anfang an war das Unternehmen Th. Mohwinckel aus Mailand damit beauftragt, die finanzielle Seite des neugegründeten Betriebes zu leiten und dies wurde vor allem von Theddy Mohwinckel, damals 20jährig, ausgeführt. Zwischen den beiden Familien entwickelten sich Freundschaften, die über die Arbeit hinausgingen und bis heute überlebt haben.
Im neuen Fabrikwerk folgen Jahre, die mit zahlreichen Geschäften, Innovationen und großen Genugtuungen gefüllt sind. Die Angestellten kommen aus dem ganzen Pustertal und die Zahl der Arbeiter steigt an: Hier finden sie eine Festanstellung. Die Modelle werden perfektioniert und ausgereifter, der Ruhm der Fabrik wächst aufgrund ihrer innovativen Technik. Das Unternehmen in Toblach zieht wichtige Gäste an. Das kleine Dorf erlebt zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Blütezeit. Trotz allem bilden sich innerhalb des Betriebes Gruppen von jungen, feurigen Anhängern des faschistischen Regimes, die gegen Ende der 30er Jahre eine Gefahr für die persönliche Sicherheit von Max darstellen.
Mit der Geburt der drei Kinder 1928, 1933 und 1935 wächst auch die Familie von Max. Trotz der finanziellen Krise, die durch den Zusammenbruch des Weltmarktes und auch aufgrund einiger Modelle, die keinen guten Absatz auf dem Markt fanden, entstand, sind es besonders glückliche Jahre in diesem kleinen Bergdorf. Um der finanziellen Lage Herr zu werden, verkauft Max das Haus seines Vaters in Prag und nimmt Teilhaber in seinen Betrieb auf: die Gebrüder Amonn aus Bozen.
Doch das entscheidende Ereignis, welches den Frieden stört und endgültig das Schicksal der Familie und der Unda Radio lenkt, stellt das 1939 Abkommen zwischen Hitler und Mussolini über die Südtiroler Volksgruppe dar. Die Familie verliert das Wohnrecht und das Recht auf Immobilienbesitz. Zudem hat ein Großteil der Belegschaft für die Auswanderung nach Deutschland optiert. Es gibt keine andere Alternative als eine neue Heimat sowohl für die Fabrik als auch für die Familie zu finden.
Wegen seiner Nähe sowohl zu Mailand und als auch zur Schweiz, wurde die Stadt Como ausgewählt, wohin die Unda Radio mitsamt der Familie umzieht. Am 14. Dezember 1940 eröffnet die Unda Radio ihren neuen Sitz in der Via Mentana 20, in Como.
Unterdessen sind wir inmitten der Kriegszeit. Die Anfänge sind für den Betrieb schwierig, in erster Linie wegen des Mangels an spezialisiertem Personal, und in zweiter Linie wegen des Embargos gegenüber Italien von Seiten der Alliierten und der damit einhergehenden Schwierigkeit Rohstoffe zu erlangen. Auch für die Familie war der Umzug traumatisch.
Nur Max beherrschte die italienische Sprache, die Kinder mussten neue Schulen beginnen, vor allem aber die alte Mutter von Max – Ghisa – konnte sich nur mit großen Mühen anpassen. Außerdem wurden die Entbehrungen und Entsagungen des Krieges in der ganzen Bevölkerung Italiens spürbar und waren in unserer Familie, welche in einer völlig neuen Umgebung von vorne anfangen musste, noch ausgeprägter.
Das größte Übel jedoch war das politische Klima: Die Ursprünge von Max waren bekannt (beim Nazi-Befehlshaber in Cernobbio gab es eine Akte über ihn), und als Direktor eines Betriebes konnte er sich kaum unsichtbar machen. Zudem lag in der speziellen Typologie der hergestellten Produkte (Empfangs- und Sendegeräte) der Hauptgrund für die häufigen Besuche von faschistischen Parteileitern und deutschen Offizieren.
Max wand sich so gut es eben ging durch die Schwierigkeiten hindurch, und gab sehr darauf Acht, die Familie nicht in Gefahr zu bringen. Er hatte ein geheimes Versteck am See und als Vorsichtsmaßnahme schickte er seine beiden Söhne ins Internat nach Erba in die Gegend von Brianza. Er musste vor dem Gericht in Mailand eine Erklärung darüber abgeben, dass er nur spezialisierte Fachkräfte anstellen würde, da keiner seiner Angestellten in den Krieg ziehen musste.
Die unmittelbare Nachkriegszeit stellte wegen des deutschen Nachnamens für die Familie von Max eine noch größere Gefahr dar. Das Problem der jüdischen Herkunft, welches zuvor viele Schwierigkeiten mit sich gebracht hatte, war nun nicht mehr der Grund zur Sorge. Max wurde von den Partisanen bedroht, aber glücklicherweise wurde er durch das Eingreifen, vermutlich eines Angestellten, nicht weggebracht. Auch Theddy Mohwinckel wurde von den Partisanen aufgesucht, welche, da sie ihn nicht zu Hause gefunden hatten, an seiner Statt seinen Bruder festnahmen, der dann erschossen wurde. In der Folge beschlagnahmten die Partisanen die wunderschöne Villa, in der die Familie lebte und so waren sie wieder gezwungen umzuziehen.
Nachdem die sorgenvolle Nachkriegszeit überwunden war, folgten wieder glückliche Jahre sowohl für die Fabrik als auch für die Familie. Die Kinder beschäftigten sich, neben der Schule mit Musik und Sport. Nachdem die Heiterkeit wieder eingekehrt war, machten alle zusammen sonntägliche Ausflüge auf die Berge rund um Como, man fuhr mit dem Boot und schwamm im See. Die Sommer und Winterferien verbrachte man wieder in Toblach.
Die Person, der Max das Haus verkaufen hat müssen, als er gezwungen war, Südtirol zu verlassen, hatte nie das Geld gehabt, um es zu bezahlen, und so kam der Besitz wieder in die Familie zurück. Leider hatte Großmutter Ghisa, die 1944 verstorben war, nicht mehr das Glück in das Haus zurückzukehren, das sie seinerzeit gebaut und mit viel Liebe gepflegt hatte.
Mit dem Erscheinen des Fernsehens, musste die Unda Radio wieder einmal eine radikale Wandlung in Angriff nehmen. Aufgrund der besonderen geografischen Lage von Como, umgeben von Bergen wurden die ersten Experimente mit diesem neuen Kommunikationsmedium auf 750 m Meereshöhe durchgeführt, beim Hotel Europa von Brunate. Ironischerweise verursachte die Erfindung des Fernsehens das Ende der Unda. Um ein solches Projekt weiterzuverfolgen brauchte es große Investitionen, die sich der Betrieb nicht erlauben konnte. Somit schloss die Unda Radio 1958 ihre Tore. Noch in den 80er Jahren gab es Unda Lautsprecher auf den Brücken der Schiffe vom „Lago di Como“.
Die Kinder von Max und Trude hatten mittlerweile ihre eigenen Wege genommen: Der erstgeborene Enrico wurde Elektroingenieur. Sein Schicksal war, nach einem Praktikum in Deutschland, die Unda Radio. Hans, mit einem Diplom in Wirtschaft und Handel, fand eine Anstellung bei Olivetti in Frankfurt. Lisa, die mittlerweile in New York verheiratet war, schloss ihr Studium in dieser Stadt ab.
Max eröffnete 1959 noch nicht 60jährig in Tavernio in der Provinz von Como eine andere Firma, die Inelco Spa, einen Comer Elektrobetrieb, der Zubehör für Fernseher, sowie Messinstrumente für Fernseher und Überwachungssysteme mit geschlossenem Schaltkreis produzierte. Viele Angestellte der Unda folgten ihm in dieses neue Unternehmen.
Der Betrieb lief mit geblähten Segeln, vor allem nach dem ökonomischen Aufschwung der 60er Jahre. Leider konnte Max, immer etwas kränklich, nicht lange seinen neuen unternehmerischen Erfolg genießen, weil er plötzlich unerwarteterweise im Dezember 1966 mit nur 64 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Trude übersiedelte nach dem Tod von Max nach Cernobbio wo sie bis zum Alter von 90 Jahren blieb. Anschließend kehrte sie nach Bozen zurück, in das Haus ihrer Jugend, wo sie am 03. Oktober 2001 an der Schwelle zu ihrem 99. Geburtstag starb.
Die Überreste von Max sind im Friedhof von Toblach begraben, dem Dörfchen, wo seine Großmutter Elisa Rutter 1834 geboren wurde.

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